Am Wochenende entdeckte ich im Frankfurter Getriebe ein kleines Mädchen und verlor mein Herz.
Grau, kalt und hektisch zeigte sich das Mainufer am Samstagnachmittag. Zwischen Frankfurter Mundart und gefühlten zehn anderen Sprachen, von denen ich keine einzige verstand, räumten die Händler die Reste vom Flohmarkt zusammen, an den Mauern letzte schrille Überbleibsel des Geschäfts. Wir steigen also über ramponierte Puppenköpfe, halbe Bilderrahmen und Stapeln von Groschenromanen mit so aufregenden Titeln wie 'Die Baskenmütze' oder ' Cindys neuestes Abenteuer auf dem Ponyhof'. Seitdem uns die U-Bahn am Schweizer Platz ausgespuckt hat, fühlen C. und ich uns wie zwei kleine Ameisen in einem fremden Menschenbrei. Zwei vollgestopfte, übermüdete Ameisen. Die Nacht war kurz und das jugoslawische 'Frühstück' bestehend aus Fleisch, Fleisch und ein wenig Brot treibt die allgemeine Schwermut an diesem Tag direkt in unsere Magengegend. Der Schnellimbiss, nichts weniger als ein Miniaturbalkan inklusive patriotischen Landschaftsaufnahmen, rosa Wänden und verstaubten Männlichkeitsidealen in Form von zehn stämmigen Typen in Lederjacke, Kreuzketten und Plateauschuhwerk. Ich habe mich noch nicht ganz von den verwegenen, rauen Gesichtern der Herren aus dem Grill erholt um schon mit der nächsten, diesmal westlichen Testosterontradition konfrontiert zu werden. Frankfurts elitärer Ruderverein mit dem leicht denkwürdigen Namen 'Germania' feiert Saisoneröffnung und so mischen sich unter das bunte Volk der Flohmarktbetreiber und Promenadenschlenderer, Horden junger Muskelberge mit dem Gardemass 1,90 plus. Dagegen können meine Absatzschuhe dann auch nichts mehr ausrichten und der Ameiseneindruck verstärkt sich zwangsläufig. C. ergeht es natürlich nicht besser. Wir denken kurz an Flucht mittels eines kleinen Motorbootes, welches nur provisorisch am Steg festgemacht ist. Ziel wäre wohl Madrid gewesen, uns wird aber dann doch schnell bewusst, dass diese charmante Möhre von Motorboot uns wahrscheinlich noch nicht mal bis zur Donau tragen würde. Stattdessen ziehe ich mir die Kapuze meines Mantels tief ins Gesicht um mich vor weiteren Begegnungen mit phallozentristischen Verkörperungen zu schützen.
Endlich erreichen wir das Städel und hoffen auf ein erholsames Eintauchen in das Farbenmeer Ernst Ludwig Kirchners. Schon an der Kasse offenbart sich die banale Erkenntnis: Ausstellungen an Samstagnachmittagen zu besuchen ist in etwa so raffiniert und originell wie der Gänsebraten an Weihnachten. Als wir die Würfelräume der Ausstellung betreten, empfängt uns erstmal eine stinkende Masse Mensch - Hitze, Stickigkeit und ausweichende Schritte. Gleich im ersten Raum werden wir mit den depressiven Phasen Kirchners konfrontiert. In schwarz gehaltene Holzschnitte, Selbstbildnisse, C. zeigt auf das dritte mit Abstand düsterste Bild und bemerkt nur trocken: "Guck mal der malt so wie du momentan schreibst". Es folgt ein erleichterndes Lachen, von unserer kleinen Katharsis sind leider nur C. und ich angetan. Die anderen Besucher schreiten weiterhin ernst und 'wissend' von Bild zu Bild. Man ist ja schließlich nicht zum Spaß hier sondern in erster Linie um seinen Status gerecht zu werden. Im Vergleich zu seinem Publikum wirken die Werke der Exzentrikers Kirchners doch erfrischend authentisch. Das Bezaubernde an der Selbstentblößung ist die gewährte Teilnahme an inneren Zuständen, die im weit verbreiteten gekünstelten Habitus der hier anwesenden 'Kulturinteressierten' so erfolgreich verloren geht. Artig wie wir sind, folgen wir dem Strom und erfreuen uns der zunehmenden Farbenpracht. Viele der bunten Frauenakte wissen zu begeistern während ich keinen Zugang zu seinen Landschaftsbildern finden kann. Allmählich habe ich mich an den üppigen Frauenkörpern satt gesehen und meine Prüderie anhand einer leichten Gesichtsröte wiederentdeckt, hervorgerufen von obszönen Bleistiftskizzen mit dem verharmlosenden Titel 'Erotica' ( Pornographica wäre wohl bezeichnender gewesen). Ich fühle mich noch leicht verstört von den eben gesehenen Bildchen mit mir unvertrauten Stellungen, sollte ich sie kennen so würde ich niemals mit irgendjemanden darüber sprechen, und denke an ein kurz zuvor gelesenes Zitat Kirchners - " Oft stand ich mitten im Coitus auf, um eine Bewegung, einen Ausdruck zu notieren". Ich will weder wissen wie sich seine Partnerin währenddessen noch dann gefühlt hat wenn er das Ganze mal kurz unterbrach um den Moment festzuhalten - schönen Dank auch. Gerade noch gefangen in diesen Gedanken, angewidert von dem schwitzenden Herrn im Sakko neben mir, rettet sie mich. Ihr Bild fängt mich, der fordernde Blick ihrer ernsten dunklen Augen umrandet von dichtem dunklem Haar verspricht Reinheit. Die Klarheit Marcellas füllt mich aus, das Getümmel neben mir verschwimmt und nimmt die Geräusche mit fort. Ich stehe und starre, genieße. Ihre Pose, so lässig, so hingewandt als würde sie nur darauf warten dass ihr ihre Betrachter eine Geschichte erzählen. Die Verletzbarkeit ihrer Nacktheit verschwindet durch das Erhabene in ihrem Blick. Unberührt von der Welt schenkt sie mir diesen magischen Moment, indem auch ich mich von den gesammelten Eindrücken dieses Tages befreien kann - ich fühle mich nicht mehr klein und zerbrechlich, muss mich weder über männliche Hoheit beziehungsweise Rohheit noch über die Oberflächlichkeit des Kunstzirkus ärgern. Erst jetzt erkenne ich den Lolitaeffekt der Darstellung - soviel weibliche Weisheit in einem Mädchenkörper. Aber auch das ist für den Moment erstmal egal. Ich will die Atempause mit C. teilen, dieser steht links neben mir an der anderen Wand und ist ebenso gebannt. Auch er wurde von Marcella verzaubert. Das gleiche Mädchen, diesmal im Seitenprofil mit mehr an. Ein melancholischer Blick in die Leere des Wohnzimmers. Lange stehen wir dort, können uns nicht von ihr lösen und sind glücklich. Versöhnt mit dem Tag. Marcella statt Madrid.
1 Kommentar:
wunderbar! Tolle Dynamik! Man sollte es sich definitiv laut vorlesen. Fein gespickt mit spitzen Alliterationen und einem tollen Kontrast von der ausgeprägten, Männlichkeit zur feinen Weiblichkeit der eigentlichen Protagonistin, Marcella. Made my day.
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