Montag, 14. März 2011

"Unter den Bedingungen einfacher Verwissenschaftlichung folgt die Suche nach Erklärungen dem Interesse an der Beherrschung der Natur. Die vorgefundenen Verhältnisse werden veränderbar, gestaltbar und damit technologisch nutzbar gedacht. Dies schlägt unter Bedingungen reflexiver Verwissenschaftlichung um. Wo selbstproduzierte Risiken ins Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit treten, wird auch der Nachweis ihrer unvermeidlichen Hinnahme zu einer Zentralaufgabe wissenschaftlicher Erklärungssuche. In der durchgesetzten technischen Gesellschaft, also dort, wo (nahezu oder prinzipiell) alles "machbar" wird, verändern sich die Interessen im Umgang mit Wissenschaft und werden grundsätzlich doppeldeutig: Neu hervor tritt das Interesse an Erklärungen, die die Nichtveränderbarkeit von Verhältnissen prinzipieller Machbarkeit verbürgen. Fällt unter Bedingungen einfacher Verwissenschaftlichung das Interess an Erklärungen mit dem an technischer Nutzung zusammen, so beginnt sich dies unter Bedingungen reflexiver Verwissenschaftlichung aufzuspalten, und zentral werden wissenschaftliche Deutungen, in denen Wegerklärungen der Risiken bedeutet. Entsprechen greifen Moderne und Gegenmoderne neu ineinander: Die wissenschaftsabhängige Risikogesellschaft ist mehr und mehrauch auf wissenschaftliche Ergebnisse funktional angewiesen, die Risiken verharmlosen, leugnen oder in ihrer Unvermeidbarkeit ausmalen, eben weil sie prinzipiell gestaltbar sind. Doch diese funktionale Notwendigkeit steht zugleich im Widerspruch zu den technischen Erklärungsanspruch verfügbarer Theorien- und Methodenprogramme. Das Ausmalen der "Sachzwänge", "Eigengesetzlichkeiten" riskanter Entwicklungen gerät so unterderhand zu deren Aufhebungsmöglichkeit oder wird wenigstens zu einem widerspruchsvollen Balanceakt."

Ulrich Beck, "Risikogesellschaft" edition suhrkamp, 1986

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