Sonntag Tatort
Es ist Samstagmorgen. Ich steige gerade aus der Dusche als ich etwas auf dem Fensterbrett hinter den Milchglasscheiben des Badezimmers bemerke. Ich öffne die Fenster und sehe nach. Dort liegen zwei Postkarten nebeneinander. Ich beuge mich hinaus um zu schauen, ob noch etwas anderes hinterlassen wurde. Nichts.
Ich nehme die Karten und schließe die Fensterflügel vor der eisigen Kälte, die meinen Körper in einen Dampfschleier hüllt. Die erste Karte zeigt das open house in der südkoreanischen Stadt Anyang. Entworfen und gebaut von raumlaborberlin. Die andere zeigt ein prunkvolles Gebäude mit einem mächtigen Turm hinter grünen Baumwipfeln. Es ist die Staatsuniversität in Moskau. Beide Karten sind leer, beide sind auf dieselbe Art und Weise eingedellt und beide haben kleine Löcher von den Steinen des Bürgersteiges, auf welchem sie zwischenzeitlich gelegen haben müssen. In Anbetracht der begehrlichen Zusammenstellung denke ich sofort, dass das kein Zufall sein kann. Ebenso schnell ist mir klar, dass es ein Zufall sein muss. Diese wenig inspirierte Einsicht kann meine Neugier aber nicht zurückhalten. Der einzige persönliche Hinweis, den die Karten geben, ist ein handgeschriebenes Wort. Es heißt: авиапо́чтой. Schräg in die Nähe der ungestempelten russischen Briefmarke geschrieben, kann man es auf der zweiten Karte lesen. Oder auch nicht.
Es folgen detektivische, ja genialische Ermittlungen. Geographische Querbezüge werden hergestellt, eine ausgiebige Recherche nach möglichen Motiven in die Wege geleitet, Spuren von Verdächtigen aufgenommen, Insider in einem Kaffeeladen namens Moloko befragt, wilde und nüchterne Assoziationsketten aufgebaut, Vermutungen auf ihre Wahrscheinlichkeit diskutiert. Aber alles hilft nichts. Die Karten geben ihr Geheimnis nicht preis. Warum sind sie da? Liegen in meinem Fenster und sind so treffend und doch so beliebig. Sagen, sie müssen für mich bestimmt gewesen sein und übermitteln doch keine Nachricht. Verflechten mein Leben in ihr Dasein und existieren doch neben ihm. Sie verändern sich nicht, scheinen wirkungslos, entwickeln kein Geschehen. Sind nur da und werden nicht gebraucht. Oder doch.
Sie sind das Medium, das einfach so zur Botschaft wird. Sie fordern mich auf, über ihre Bedeutung zu befinden. Sie überlassen alles. Es liegt bei mir zu entscheiden, welche Geschichte sie erzählen sollen. Oder.
Es ist Freitagabend. Ich streife durch Neukölln. Im Nathanja & Heinrich treffe ich Elizaveta unerwartet wieder.
2 Kommentare:
schön ist das.
Wunderschön! ♥
Erinnert mich an "Der Moment" von den Madsen :)
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