"Den Ball in die Linke nehmen, so halten und senkrecht in die Luft werfen. Den Schläger hinter den Rücken führen, die Schleife machen und Schlag."
Sie scheucht mich über das rostbraune Court, Bälle fliegen mir um die Ohren und ich fühle mich wie ein Balljunge. Sie ist stärker als ich, jedenfalls fühle ich mich ihr hier, auf ihrem Terrain unterlegen. Ein Moment der Schwäche und Schlag. Ich versuche zu retournieren und treffe den Ball mit der Kante. In einem hohen Bogen sirrt der Ball durch die Luft, hoch über den Tennisplatz. Vogelperspektive: Der Fluss, der meine Stadt teilt, Bootshäuser, Wiesen. Stadtrand. Der Blick nach oben: Gelber Fleck am Herbsthimmel. Wolkenklüfte. Der Moment: Aufstieg. Kurzes Innehalten, dann freier Fall und ab ins Nass.
"Genug für heute, oder?", sie lächelt verschmitzt. "Ich glaub' ich geh mal nach Hause." Keine Reaktion. "Will mal schauen, ob das Haus noch steht." "Keinen Kaffee mehr?" "Ich meld mich später." Kurzer Kuss. Lichtreflexion. Haar aus dem Gesicht streichen. Flüchtige Berührung der Hand. Heimweg.
Die kleine Allee, die zu mir nach Hause führt, wird überschattet von einem ehemaligen Polizeigebäude. Auf dem Gelände spielen nachmittags Kinder und es wird Skateboard gefahren. Merkwürdigerweise ist es an anderen öffentlichen Plätzen verboten, Skateboard zu fahren, oder laut zu spielen. Da kommt dann die Polizei und verscheucht die Vandalen, die die Treppen einwachsen und Lärm machen. Klack-Klack Schhhh. Hier, auf dem U-förmigen Gelände stört es keinen. Das grüne Gebäude ist von Efeu überwuchert und es erweckt beinahe den Anschein, als wäre der Bürokratiewust, der in den ganzen Zimmern und Gängen vorgeherrscht hat als Efeu durch die Ritzen und Spalten nach draußen gewandert, um, wie Christo, das Gebäude zu verhüllen und der Umgebung eine Auszeit zu geben. Einatmen. Ausatmen. Meine Kleidung ist verschwitzt und ich will sie loswerden und duschen. Um die Ecke und: Vor meiner Wohnung steht ein Krankenwagen. Die Haustür ist offen und ich bekomme ein unangenehmes Gefühl. Ich laufe die Holztreppen hinauf und mit jeder Tür, die nicht offen steht, verstärkt sich mein Gefühl zu einem Gewicht, dass es mir schwer macht, weiter zu gehen. Die Wohnungstür ist offen. Im Flur steht Olaf, ein alter Freund meines Vaters und heult. Rettungsassistenten eilen durch die Wohnung. Ich trete ein, Olaf umarmt mich und weint. Zwischen den Schluchzern höre ich:" Es tut mir leid. Ich bin eingeschlafen. Es tut mir so leid."
Ich öffne die Tür zum Wohnzimmer. Mein Vater liegt auf den Dielen, lang ausgestreckt und ein Sanitäter ist über ihn gebeugt. Er schaut mich an. "Ist das ein Freund von ihnen?" "Das, ..das ist mein Vater." Er erschrickt kurz, steht auf und verlässt den Raum. Ich knie mich zu dem Mann, der dort auf dem Boden liegt. Schaue ihn an. Er hat ein Lächeln auf den Lippen und sieht aus, als hielte er seinen Mittagsschlaf auf der Couch. Nur liegt er jetzt auf dem Boden. Als sei er hinuntergefallen und, nichts von dem Aufprall merkend, ganz gerade liegen geblieben. Ich gebe ihm einen Kuss auf die Stirn. Abschied nehmen. So, wie ich es mir vorgestellt habe, als ich mir ausgemalt habe, wie ich reagieren würde, wenn ein guter Freund stirbt. Momentaufnahme. "Das ist mein Vater." Plötzlich herrscht wieder Eile. "Gehen sie bitte raus aus dem Zimmer." Ich richte mich auf und schwebe aus dem Zimmer. Olaf weint immer noch. Er denkt es war seine Schuld. Schuldtränen? Tränenschuld? Ich höre die Geräusche um mich herum, als wäre ich unter Wasser. Dumpfes Weinen. Verschwommene Gesprächsfetzen der Rettungssanitäter. Einatmen. Ausatmen. Den Kopf wieder über Wasser, rufe ich meine Mutter an. "Silke, Uwe ist gestorben. Olaf steht im Flur und weint." "Nein. Das stimmt nicht. Nein, das kann nicht sein." Sie lehnt ab es zu glauben und sagt dann, sie würde uns, Olaf und mich, sofort abholen kommen. Dann Stille. Autofahrt. Geräusche. Weinen. Brüder in den Arm nehmen. Kaffee trinken. Ich bin die Treppen gar nicht wieder heruntergestiegen. Bin gar nicht zurück durch die Allee gelaufen. Habe keine spielenden Kinder gehört. Tennis gespielt habe ich. Den Ball senkrecht hochwerfen, den Schläger in der Schleife hinter dem Rücken führen und Schlag. Timing.
3 Kommentare:
Den "Vortext" finde ich banane. Den eigentlichen Text entgegen gut.
Wie die Tür, die schließt, immer wieder. Zack Zack Zack Zack. Dahinter die Auszeit als "Erinnerung nehmen" als zurück in die Zeit/aus der Zeit finden.
Deine Vorstellung Efeu-ähnlich hinaus zu kommen, "der Umgebung eine Auszeit geben. Einatmen." meint vielleicht dasselbe Gefühl und ist schön geschrieben. Das ist großartig!
p.s. den "wie christo" - verweis solltest du dir sparen. der schwächt deinen text und deine gedanken!
Danke für deinen Kommentar, Christian. Stimmt, die Vorrede ist unnötig. Soll aber nicht auf die Schlechtheit der anderen Texte verweisen, sondern nur auf das Scheitern als Prinzip verweisen, dass speziell diesem Text auch innewohnt, denke ich.
Ja, wirklich schön zu hören, was du dort heraus liest. Ich bin von anderer Seite aufgrund dieses Textes und vorhergehender schon als hoffnungslos Epiphanien produzierender betitelt worden. Deine Lesart gefällt mir auch besser und ja, in eben der Lesart wirkt der Christo-Verweis wirklich schwächend.
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