Samstag, 28. August 2010

Sanft schlich der Herbst in unsere Gemüter. Mit der aufkommenden Kühle wuchsen neue Gedankengebilde in uns heran. Die Erlebnisse des Sommers wurden zu verästelnden Erinnerungen. Immer deutlicher spürten wir wieder diese Heimlichkeiten zwischen uns, hinter den verfärbten Blättern lauerte bereits die Verlorenheit unserer Gemeinsamkeit. Das Berühren unserer Handflächen im steinernen See, nichts mehr als das gemeinsame letzte Bad in einer ergrauten Illusion. Unausgesprochen waren wir uns darüber einig gewesen, was wir in den letzten warmen Monaten nicht wissen wollten. Unser Sommer war nur ein Nachruf auf ein vergangenes Uns.

Ich saß auf der Stange deines Fahrrades vor Dir, lachend polterten wir den steinigen Feldweg hinunter. Dein Pfeifen unserer Lieblingslieder in meinem Ohr, kichernd summte ich mit, schrille Töne, unterbrochen von den Schlaglöchern unter uns. Es war als ob wir uns selbst parodierten und all die gemeinsamen Jahre gleich mit. Dein wankelmütiger Fahrstil gepaart mit meiner Angst vorm Fall und doch genoßen wir beide das Schattenspiel zwischen der Sonne und den großen Bäume über uns auf unserer Fahrt ins Tal. Einmal, wieder nach einer heiklen Kurve, drehte ich mich zu dir um und mahnte die Geschwindigkeit an, "Du weißt wie schnell ich blaue Flecke bekomme, also fahr langsamer". "Ja, ja, ich weiß ja, aber wenn wir langsamer fahren, fressen uns doch die Bremsen auf." Mein banger Blick traf auf dein sorgenfreies Gesicht. Ich ließ mich von dem schelmenhaften Grinsen deines Mundes nicht täuschen, beobachtete das Wehen deiner Locken im Fahrtwind und stellte mir vor wie ich im Moment des Stürzens, verzweifelt in deinem dichten Haar Halt suchen würde.

"Das ist ja gerade nochmal gut gegangen", schnaubte ich erleichtert und glitt gekonnt von der Stange, um einige Sekunden später über einen rumliegenden Ast zu stolpern. Meine Tollpatschigkeit kommentiert von vergnügter Schadenfreude hinter mir. Noch während ich mich zu dir umdrehte, verflog mein Zorn und wir schmunzelten gemeinsam über den Fehltritt. "Womöglich bist Du bei mir auf dem Rad besser aufgehoben als auf diesen Stampfern da", du zeigtest dabei auf meine Beine und der liebevolle Ton in deiner knaksigen Stimme entschärfte jegliches Beleidigungspotenzial. "Diese Stampfer funktionieren vielleicht nicht immer, aber gut genug um Dir ordentlich in den Arsch zu treten." Noch eine Weile tauschten wir so kleine freche Sätze aus, das konnten wir schon immer. Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, an dem wir die letzte Maske voreinander abgelegt und mit ihr das letzte Gefühl für Peinlichkeit begraben haben. Das muss ohne ein Zeremoniell geschehen sein. Keiner hat uns damals gefragt ob wir für die Echtheit bereit sind, sie kam durch die Hintertür und blieb. So sind wir unbewusst zusammengewachsen, was sich lange besser anfühlte als erwachsen zu werden.

Gemeinsam gingen wir dann baden. Der Waldsee fiel nach wenigen Metern steil ab. An der Kante zur Tiefe drückte ich fest deine Hand, als Antwort verspürte ich ein zartes Kneifen in einem meiner Finger. Beide schauten wir geradeaus auf die ruhige Wasserfläche die vor uns lag. Wir mussten uns nicht ansehen, wir wussten ja, dass wir beide da waren und so tauchten wir ab. Später beim Trocknen auf der kratzigen Wolldecke, las ich Dir aus dem Briefwechsel zweier Liebenden vor -"Dein Gesicht wie ich es gesehen habe in Jerusalem, über mir, unter mir, neben mir...in Deinen Augen sah ich, dass auch ich ein Gesicht haben muss, auch ich". Ich las weiter, deine Hand ruhte dabei auf meinem Bauch, mit geschlossenen Augen schautest Du hinter die weichen Wolkenfetzen. Ich hangelte mich, gegen die Sonne, von Wort zu Wort während ihre Bedeutungen in Dich hinein tropften. Entliehene Sehnsucht für den einen Text, zu dem wir verschmolzen waren.

Am Abend auf dem Rückweg in die Stadt, schlenderten wir schweigend nebeneinander her. Friedlich sogen wir die letzten Gerüche des Waldes und der Felder in uns auf. Immer wieder klatschten wir uns auf die Beine um die Mücken abzuwehren. Du musstest das Rad neben mir herschieben und das erfüllte Dich zunehmend mit Ungeduld. Ich spürte in dir den aufkommenden Ärger über meinen stetigen Unwillen zum eigenen Rad. Gerne hätte ich irgendetwas gesagt um Dich davon abzulenken, doch ich hatte es verlernt, Dir Geschichten zu erzählen. Irgendwann fingen wir dann wieder mit dem Singen an. Schräg und schön, wie immer.

Als der Herbst dann unsere Stadt erreichte und zärtlich das Gerippe der umliegenden Wälder offenlegte, gingen wir schon länger nicht mehr zum See. Eines Tages entschied ich mich dazu, ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen.

3 Kommentare:

robi hat gesagt…

hui!
das ist schön.
die bilder im kopf haben eine super8 patina.

Christian hat gesagt…

Ich bin mal so frei, mich ungefragt als Verfasser einer Interpretation aufzudrängen.

Die Illusion mag ergraut sein, aber sie ist noch immer eine Illusion und deswegen haltbar. Letztlich ist sie vielleicht eine gute Wahl. Denn wir sind nicht in der Lage in einer desillusionierten Wirklichkeit zu leben, wohl aber eine Welt zu schaffen, die auf Illusionen fußt und in ihr Glück und Leid zu empfinden.

Das Mädchen schaut auf etwas Vergangenes zurück, das sie vielleicht doch nicht abschließen können wird. Sie hat berechtigte Angst vorm Fallen, aber sie hat ebenso Angst vorm stehen. So oder so, sie sucht Halt und sie sucht nach sich selbst. Wo findet sie ihr Gesicht, wenn so vieles "verästelt", "zusammengewachsen", "verschmolzen" ist? Gibt es sie noch die Möglichkeit dieser unbekannten Augen, in denen sie sich erkennen könnte? Oder hat sie sie bereits gefunden in den Augen, die sie selbst mit geschlossenen Lidern spiegeln.

Sie entschließt sich, ein Rad zu kaufen - kein "eigenes" und auch kein "neues", ein "gebrauchtes". Auch damit würde sie stürzen können, das weiß sie. Und möglicherweise dächte sie im Moment eines Sturzes wieder an diese dicht gelockten Haare. Vielleicht ist es auch nur ein Entschluss, noch nicht seine Umsetzung und sie sitzt im nächsten Frühjahr wieder auf der Radstange des jungen Mannes. Und die Illusion dieses Textes wäre einfach nur durch eine andere abgelöst worden - eine Form von Erfüllung.

Eine sehr schöne Geschichte. Und das sage ich, obwohl ich die Art und Weise der Konstruktion der Erzählung, wie man vielleicht vermuten könnte (...), eigentlich gerade nicht so sehr mag.

Suse hat gesagt…

Es freut mich, dass ihr die Geschichte mögt. Die Interpretation trifft an vielen Stellen mein eigenes Textempfinden, was zwar nicht notwendig aber sehr schön ist.